Schüler nehmen die Entwicklung des Greizer Handwerks in den Fokus

Zehntklässler gehen der Frage „Alte Handwerksberufe – Gibt es sie in Greiz noch?!“ nach

Im Jahr 1889 gab es in Greiz 568 Handwerksberufe, 2023 waren es nur noch 128. Das haben Stella Kratochwill, Majd Alabdulrajab und Tony Griewahn im Rahmen ihrer Projektarbeit „Alte Handwerksberufe – Gibt es sie in Greiz noch?!“ herausgefunden. Und vieles mehr.

Die drei Zehntklässler der Lessing-Regelschule haben das Ergebnis ihrer Arbeit am 9. April Lehrern und Schülern ihrer Schule präsentiert. Mit großem Erfolg: Stella, Majd und Tony erhielten jeder die Note 1. „Die Projektarbeit gehört zu den besten des Jahrgangs“, war sich das Kollegium einig.

Das Interesse am Handwerk wurde den drei Protagonisten scheinbar in die Wiege gelegt. Stellas Eltern betreiben in Greiz eine Schuhmacherwerkstatt in dritter Generation, Tonys Eltern sind Frisöse und Metallweber und Majds Vater ist Bauingenieur. „Wir sind sehr an der Historie unserer Region interessiert“, sagt Tony. Mit der Recherche zu ihrer Projektarbeit begannen die drei am 25. Mai vorigen Jahres im Landesarchiv Thüringen, Staatsarchiv Greiz. „Hier hat uns von Anfang an vor allem Frau Ernst sehr unterstützt. Sie stellte uns auch den Stadtplan aus dem Jahre 1889 zur Verfügung, der jetzt neben dem aktuellen Stadtplan im Schaufenster des Geschäfts meiner Eltern zu sehen sind“, berichtet Stella. Große Unterstützung bei ihren Recherchen erhielten die drei Schüler auch durch André Kühne von der Handwerkskammer Ostthüringen.

Bei ihren Nachforschungen zur Entwicklung des Greizer Handwerks haben die drei Schüler herausgefunden, dass es tatsächlich heute noch Betriebe gibt, die bereits 1889 existierten. Die Bäckerei Hofmann und die Druckerei Tischendorf sind zwei Beispiele dafür. „Interessant war aber auch, dass vor 135 Jahren Handwerksberufe in Greiz existierten, die es heute gar nicht mehr gibt“, sagt Majd und nennt als Beispiel den Nagelmacher. Am Beispiel von drei verschiedenen Handwerksberufen haben die Jugendlichen in ihrer Projektarbeit die Entwicklung alter beziehungsweise nicht mehr in Greiz ausgeübter Berufsgruppen untersucht.

Stella hat die Geschichte des Buchbinders und Buchdruckes unter die Lupe genommen. „1889 gab es in Greiz fünf Buchdruckereien und Steindruckereien“, fand die 15-Jährige heraus. Heute gibt es mit der Firma Tischendorf immerhin noch einen Vertreter dieser Zunft in der Kreisstadt. Das Unternehmen wurde 1878 von Ernst Theodor Tischendorf gegründet und besteht bereits in der fünften Generation. 1999 zog die Druckerei von der Marktstraße in die Gotthold-Roth-Straße um. Seit 2003 führt Christian Tischendorf das Unternehmen, das sich heute als moderner Betrieb mit den Schwerpunkten Marketing, Druck und Verlag etabliert hat.

Den Greizer Bäckereien und Konditoreien hat sich Tony gewidmet. Von diesem Handwerk gab es in der damaligen Residenzstadt vor 135 Jahren sage und schreibe 46 Betriebe. Heute existieren noch sechs Bäckereien in Greiz. Eine davon gab es bereits im 19. Jahrhundert. „Die ehemalige Fürstliche Hofbäckerei wurde im März 1865 in der Greizer Marktstraße gegründet. 1969 übernahm Heinrich Hofmann die Hofbäckerei. Dessen Enkel Enrico führt die Bäckerei seit 2003 in dritter Generation“, fasst Tony das Ergebnis seiner Recherche zusammen. Heute arbeiten fünf Angestellte und der Chef selbst in dem Betrieb.

Im Jahre 1889 existierten in Greiz sieben Töpfereien. Mit diesem traditionellen Handwerk hat sich Majd befasst. „Die Töpferei hat früher bis heute eine sehr kulturelle und grundlegende Rolle in der Gesellschaft gespielt. Sie erfüllte schon in antiken Gesellschaften elementare Bedürfnisse der Menschen, indem sie es ermöglichte, Gefäße, Essgeschirr, Kochutensilien, Lagerbehälter und andere Behälter für den täglichen Gebrauch herzustellen“, so der 16-Jährige. Leider gibt es in Greiz dieses historische Handwerk nicht mehr. Die einzige Töpferei im näheren Umfeld der Kreisstadt ist die von Ralf Naundorf im zur Gemeinde Mohlsdorf-Teichwolframsdorf gehörenden Waldhaus.

Das letztgenannte Beispiel kann vielleicht als Synonym für die gesamte Entwicklung der traditionellen Handwerksbetriebe nicht nur in Greiz stehen: „Das Handwerk stirbt langsam aus“, haben es die drei Lessingschüler in ihrer 40-seitigen Projektdokumentation zusammengefasst. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Nur noch wenige Jugendliche möchten einen Handwerksberuf erlernen und die überbordende Bürokratie sind nur zwei davon. „Die Perspektive für das Handwerk ist auch wegen der die Massenproduktion schlecht“, sagt Majd: „Viele können den Unterschied zwischen industriell hergestellten Produkten und hochwertigen Handwerkserzeugnissen nicht erkennen.“ Natürlich spielen dabei auch die preislichen Unterschiede eine Rolle. Und dass zahlreiche Handwerksmeister keine Nachfolger für ihre Betriebe finden, ist ein weiteres Problem.

Trotz ihrer Begeisterung für das traditionelle Handwerk werden auch die drei Protagonisten der Projektarbeit andere berufliche Wege einschlagen. Stella beginnt nach dem Abschluss der zehnten Klasse eine Lehre als Physiotherapeutin, Tony wird Fachkraft für Abwassertechnik bei der Taweg und Majd wechselt auf das Ulf-Merbold-Gymnasium, um das Abitur zu machen. Was danach kommt, weiß er noch nicht.

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