Zu sehen im Museum für Naturkunde
Im Juli 2025 entdeckte Stefan Schurig im Geraer Stadtwald im Wurzelballen eines großen Baums, den ein Sturm zu Fall gebracht hatte, einen auffälligen großen Knochen. Er entnahm den Knochen vorsichtig und kontaktierte anschließend das Museum für Naturkunde Gera.
Wie alt ist der Knochen und welchem Tier gehört er, waren Fragen, die nach einer Antwort suchten. Zunächst besichtigten aber die Museumsmitarbeiter die Fundstelle um die genauen Fundortdaten zu dokumentieren, aber auch um zu prüfen, ob nicht weitere Knochen auffindbar sein würden. Nach gründlicher Suche blieb es aber bei dem einzelnen, 40 Zentimeter langen Knochen.
Im Museum wurde der Knochen vorsichtig gereinigt und anhand der Maße und Form versucht, ihn zu bestimmen. Um zu Mammut oder Wollhaarnashorn zu gehören, war er zu klein, für Rentier oder Höhlenhyäne viel zu groß. Der Vergleich mit dem Skelett eines Hausrindes ergab jedoch ziemliche Sicherheit, dass es sich um die linke Speiche (Radius) eines Rindes handeln müsse. Nur war dieser Knochen aus dem Stadtwald deutlich größer als die Speiche des Hausrind-Skeletts.
Die genaue Zuordnung isolierter Einzelknochen ist sehr schwierig. Aus diesem Grund mussten Experten zu Rate gezogen werden. Nachdem Dr. Oliver Hampe vom Museum für Naturkunde Berlin die Zuordnung schon anhand von Fotos eingegrenzt hatte, wurde der Knochen nach Weimar in die Abteilung Quartärpaläontologie des Forschungsinstituts Senckenberg geschickt. Dort ordneten ihn Gerald Utschig und Prof. Dr. Thomas Martin von der Universität Bonn schließlich zweifelsfrei zu.
Gefunden wurde die linke Speiche eines eiszeitlichen Steppenbison (Bison priscus) – eine ausgestorbene Bisonart. Die Schwierigkeit bei der Zuordnung des Knochens lag in der komplizierten Unterscheidung zum Auerochsen. Bei unvollständigen oder angenagten Rinderknochen wie aus der Lindenthaler Hyänenhöhle ist die Unterscheidung optisch im Grund unmöglich.
Der Steppenbison ist ein Wildrind, das in Europa spätestens vor 11.700 Jahren verschwand. Im Vergleich zu seinem Nachfahren, dem Amerikanischen Bison, hatte es auffällig lange Hörner. Zudem war es insgesamt noch gewaltiger und wog bis zu 800 Kilogramm. Das Fell, das im Kopf- und Halsbereich am längsten war, zeichnete sich durch eine rötlich-dunkelbraue Farbe aus. Im Gegensatz zum Auerochsen bewohnte es während der vergangenen Kaltzeiten eisfreie Teile Europas, Asiens und Nordamerikas. Es war ein typischer Bewohner der Mammutsteppe, wo es als Herdentier eine sehr häufige Tierart war.
Sehr wahrscheinlich stammt der Knochen von einem Steppenbison, der während der Weichsel-Kaltzeit lebte. Das war die letzte Kaltzeit des Pleistozäns. Benannt wurde sie nach dem Fluss Weichsel in Polen. Etwa vor 115.000 Jahren sanken die Durchschnittstemperaturen auf der Nordhalbkugel der Erde im Vergleich zur vorherigen Eem-Warmzeit deutlich. Sie endete erst rund 100.000 Jahre später vor circa 11.600 Jahren. Charakteristisch war ein mächtiger Eisschild, der von Skandinavien ausging und sich zeitweise bis südlich des Gebiets des heutigen Berlins und nach Nordrussland erstreckte. Die Ausdehnung des Eises schwankte jedoch und reichte nie soweit nach Süden wie während der vorangegangenen Saale- bzw. Elster-Kaltzeit. In ihrem Verlauf fanden auf der Nordhalbkugel wiederholt heftige Klimaschwankungen statt.
Andere eiszeitliche Fossilien aus dem Raum Gera wie zum Beispiel das Skelett des Pohlitzer Wollhaarnashorns oder die Knochen aus der Lindenthaler Hyänenhöhle wurden der Weichsel-Kaltzeit schon sicher durch Altersdatierungen zugeordnet. Beim Steppenbison-Knochen aus dem Geraer Stadtwald wurde eine solche Untersuchung noch nicht durchgeführt. Dankenswerterweise übernahm das Forschungsinstitut Senckenberg im Weimar aber eine konservatorische Behandlung.


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