Im Osten ist manches anders

Matthias Platzeck bei „Prominente im Gespräch“

Mit Matthias Platzeck konnte die 304. Folge von „Prominente im Gespräch“ wohl einen der populärsten Politiker des Landes in Greiz begrüßen.

Unter dem Motto “Im Osten alles anders?” hatten Heike Taubert und Wolfgang Seifert, die die einst von Harald Seidel begründete Reihe fortführen, in das 10aRium eingeladen, und an die Hundert Gäste waren der Einladung gefolgt.

Brandenburgs Ministerpräsidenten a.D. setzte sich im Gespräch mit den Organisatoren und in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum tiefgründig mit der sogenannten Ostproblematik auseinander. Bereits mit der Wiedervereinigung vor 36 Jahren, die eigentlich keine war, sondern ein Beitritt, seien grundlegende Fehler gemacht worden. „Wenn eine Gesellschaft, die im Grundsatz leistungsfähiger ist und den Industriewettbewerb gewonnen hat, eine kleinere Gesellschaft wirklich integrieren will, dann muss man dieser ein paar Haltegriffe geben. Und das ist 1990 nicht geschehen.“ Das wäre weder teuer noch schwer gewesen, so Platzeck: „Solche Haltegriffe lagen auf der Hand wie die strukturelle Ausrichtung des Bildungssystems und der Kinderbetreuung oder das System der Polikliniken.“ Letztere wurden ja inzwischen als Medizinische Versorgungszentren wieder aufgebaut.

„Wir haben damals gesagt, nehmt doch so ein paar Dinge mit in die Deutsche Einheit, damit die, die jetzt dazu kommen, nicht das Gefühl haben, wir waren ja 40 Jahre lang nur doof,“ erinnert der Sozialdemokrat an die Gespräche mit den verantwortlichen Politikern damals. Das sei aber nicht gewollt gewesen, weil nichts an die vergangenen vier Jahrzehnte im Osten erinnern durfte. „Das war einfach dumm, denn es gingen viele Leute mit schlechten Gefühlen in die neue Gemeinschaft und das kommt heute wieder hoch“, schätzt Platzeck ein.

Der Abstand zwischen Ost und West sei, nicht wie erhofft kleiner, sondern großer geworden. „80 Prozent der Leitungsposten in Ostdeutschland sind heute noch von Westdeutschen besetzt“, rechnet Matthias Platzeck vor und nennt als extremes Beispiel, dass an einer Leipziger Hochschule von 59 Professoren lediglich einer aus dem Osten kommt: „Wenn Menschen in einer Gesellschaft die Macht haben, die nicht aus dieser Gesellschaft kommen, dann macht das etwas mit den Menschen, die hier leben. Die fühlen sich hier nicht mehr zuhause.“

Dennoch sieht Platzeck auch optimistische Tendenzen und macht das an ostdeutschen Jugendlichen fest: „Es ist tatsächlich so, dass mittlerweile viele junge Leute stolz darauf sind, aus dem Osten zu kommen“, so der 72-Jährige. An die hochrangigen Politiker hat er eine besondere Forderung: Bundes- und Landesminister sollten ein gewisses Zeitvolumen nutzen, wieder herauszugehen, direkt zu den Menschen: „Ich glaube, dann hätten alle doppelten Nutzen. Einerseits haben Menschen dann das Gefühl, sie werden ernst genommen und gehört. Und andererseits wäre das für den Politiker etwas völlig anderes, in einer nicht vorsortierten Runde vor Menschen zu sitzen, als mit seinen Beamten oder Parteikollegen zu diskutieren.“

Speziell im Osten müssen die Politiker mehr auf die Menschen zugehen. „Ja, hier ist manches anders“, so Ministerpräsidenten a.D., weil manches wurde aus den Augen verloren wurde; manch Erhaltenswertes abhanden kam und vermisst wird. Die Analyse der Situation stehe am Anfang, Perspektiven aufzuzeigen sei der nächste Schritt. Aber vor allem ist Mattias Platzeck wichtig, Lösungsversuche gemeinsam zu diskutieren und selbst mit anzupacken. „Ich würde mir wünschen, dass wir uns weniger damit beschäftigen, was andere vielleicht falsch denken. Sondern eher damit, dass wir die Menschen von unseren Ideen überzeugen, ihnen Mut machen und sie mitnehmen.“

Matthias Platzeck in Greiz (Fotos: Gerd Zeuner)

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