Bolzplatzkultur lebt in Jena
Während sich die Fußballwelt auf die Weltmeisterschaft 2026 vorbereitet, wurde in Deutschland in diesem Jahr eine andere Seite des Fußballs gewürdigt: Die Bolzplatzkultur wurde in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Ausgezeichnet wurde damit eine Fußballkultur, die für freies Spielen auf öffentlich zugänglichen Plätzen, gemeinsam ausgehandelte Regeln und soziales Miteinander steht.
Genau diese Idee lebt der Bolzplatz Cup Jena seit inzwischen fünf Jahren. Mit einem großen Finaltag am 20. Juni fand die fünfte Auflage des Bolzplatz Cups ihren Höhepunkt. Die qualifizierten Mannschaften aus vier Jenaer Stadtteilen kamen noch einmal zusammen und machten das Finale zu einem kleinen Stadtteilfest, bei dem Sport, Begegnung und Fair Play gleichermaßen im Mittelpunkt standen.
Bereits in den vier Qualifikationsturnieren war der Bolzplatz Cup mit 24 Mannschaften vollständig ausgebucht. Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 21 Jahren spielten sich über die Stadtteilturniere bis ins Finale. Den sportlichen Gesamtsieg sicherten sich die Leuna Athletics, die sich damit erstmals auf dem Wanderpokal des Bolzplatz Cups verewigen dürfen. Doch der Bolzplatz Cup versteht sich seit seiner Gründung bewusst als mehr als ein Fußballturnier.
Vor jedem Turnier entwickelten die Mannschaften gemeinsam individuelle Spielregeln, die weit über klassische Fair-Play-Regeln hinausgingen. Um allen Teams gute Chancen auf spannende Spiele zu ermöglichen, vereinbarten die Jugendlichen beispielsweise Penalty-Starts für jüngere Mannschaften oder zusätzliche Feldspieler bei Rückständen. Die Lösungen waren dabei so vielfältig wie die Jugendlichen selbst.
Das Organisationsteam bedankt sich ausdrücklich bei allen Teilnehmenden, die sich auf diesen besonderen Prozess eingelassen haben. Der Bolzplatz Cup verlangt Eigenverantwortung, Selbstreflexion und die Bereitschaft, Konflikte im Dialog zu lösen. Fähigkeiten wie Verhandeln, Kompromisse finden und Verantwortung übernehmen werden im klassischen Wettkampfsport oft nur am Rande sichtbar – beim Bolzplatz Cup stehen sie im Mittelpunkt.
Mindestens genauso bedeutend wie der sportliche Erfolg war erneut der Fair-Play-Gedanke. Dank der Unterstützung des Fanprojekts Jena konnte der Fair-Play-Preis in diesem Jahr deutlich aufgewertet werden. Erstmals gewann nicht das Turniersiegerteam den Hauptpreis, sondern alle Fair-Play-Sieger. Sie dürfen sich über eine gemeinsame Fahrt nach Berlin inklusive eines Besuchs eines Hertha-BSC-Spiels freuen.
„Der BolzplatzCup ist für uns weit mehr als ein Fußballturnier. Hier begegnen sich Jugendliche, die unterschiedlicher kaum sein könnten, und finden über den Sport einen gemeinsamen Nenner. Besonders beeindruckend ist immer wieder zu sehen, wie sie den Raum annehmen, sich mit ihren Wahrnehmungen und Emotionen auseinandersetzen und diese artikulieren. Dass das Turnier ohne Schiedsrichter auskommt und auf Fair Play setzt, macht diesen Prozess sichtbar: Die Jugendlichen übernehmen Verantwortung, verhandeln Konflikte selbst und erleben, dass gegenseitiger Respekt und Dialog genauso wichtig sind wie Tore“, sagt Anna-Liddy Müller, Leiterin Fanprojekt Jena.
„Beim BolzplatzCup geht es natürlich ums Wetteifern auf dem Spielfeld – aber es geht um weit mehr als nur um Sport. Die Organisatoren positionieren sich mit dem Turnier und dem Rahmenprogramm deutlich gegen Diskriminierung. Ich danke dem Team von KoKont Jena, Streetwork Lobeda und dem Fanprojekt Jena sehr für dieses wichtige Engagement für Demokratie und Fairplay – auf und neben dem Platz“, so Sportdezernent Johannes Schleußner.
Mehr als ein Spiel – auch neben dem Bolzplatz
Auch abseits des Spielfeldes wurde der Bolzplatz Cup in diesem Jahr weiterentwickelt. Die bereits aus den Vorjahren bekannte Ausstellung „Mehr als ein Spiel“ wurde um die Perspektive politisch aktiver Fanszenen erweitert. Sie zeigt, wie Fußball Räume für demokratische Beteiligung, Mitbestimmung und gesellschaftlichen Dialog eröffnen kann.
Dabei entstand außerdem ein neues interaktives Szenarien-Spiel, das künftig gemeinsam mit der Ausstellung ausgeliehen werden kann und den nachhaltigen Einsatz in der Bildungsarbeit ermöglicht.
„Gemeinsam mit KoKont haben wir in diesem Jahr ein Szenarien-Spiel entwickelt, das die Teilnehmenden durch Stadien dieser Welt führt und die Ausstellung sinnvoll ergänzt. So entstehen Räume für Dialog und Reflexion über gesellschaftliche Themen, für die Fußball oft der Türöffner ist – die aber weit über den Sport hinausreichen“, sagt Moritz Jahns, Medienpädagoge aus Bonn.
Kurz vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft war zudem der Journalist Ronny Blaschke im KuBus Lobeda zu Gast. Sein Vortrag eröffnete einen kritischen Blick auf die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verflechtungen des größten Fußballturniers der Welt und ergänzte den Bolzplatz Cup um eine internationale Perspektive.
Ein Gemeinschaftsprojekt der Jenaer Jugendarbeit
Der Bolzplatz Cup ist ein Kooperationsprojekt von Streetwork Winzerla, Streetwork Lobeda, dem Fanprojekt Jena und KoKont. Seit fünf Jahren entwickelt sich das Projekt durch die enge Zusammenarbeit der Einrichtungen und die Beteiligung von Teilnehmenden kontinuierlich weiter.
„Der größte Erfolg des Bolzplatz Cups ist nicht der Wanderpokal. Er ist die Erkenntnis, dass der Bolzplatz weit mehr ist als ein Fußballplatz. Seit fünf Jahren machen wir gemeinsam mit unseren Partnern diese besondere Bolzplatzkultur in Jena sichtbar. Hier
übernehmen junge Menschen Verantwortung, handeln Regeln aus und erleben Gemeinschaft – ganz selbstverständlich. Dass der Bolzplatz als Ort der Aushandlung ein enormes Potenzial für die pädagogische Arbeit bietet, haben wir in den vergangenen fünf
Jahren eindrucksvoll bewiesen. Gleichzeitig ist es keine Selbstverständlichkeit, ein solches Kooperationsprojekt Jahr für Jahr auf die Beine zu stellen. Damit der Bolzplatz Cup auch künftig stattfinden kann, brauchen die beteiligten Einrichtungen verlässliche
Rahmenbedingungen und Planungssicherheit“, sagt Eric Vasold, Mitbegründer des Bolzplatz Cups und Streetworker der Stadt Jena.
Dass die Bolzplatzkultur in diesem Jahr als Immaterielles Kulturerbe in Deutschland anerkannt wurde, bestätigt aus Sicht der Organisierenden den pädagogischen Wert solcher Projekte. Der Bolzplatz ist weit mehr als ein Ort zum Fußballspielen – er ist ein Raum, in dem junge Menschen Verantwortung übernehmen, Regeln aushandeln und demokratisches Miteinander unmittelbar erleben.
Mit dem Finaltag ist der Bolzplatz Cup jedoch noch nicht abgeschlossen. In den kommenden Wochen stehen mit dem Junior Cup sowie einer weiteren Begleitveranstaltungen Programmpunkte auf dem Plan. Ob der Bolzplatz Cup 2027 in seine sechste Auflage gehen kann, ist derzeit noch offen. Das Organisationsteam hofft, die Erfolgsgeschichte gemeinsam mit seinen Partnern, unter Beteiligung von Teilnehmenden, fortschreiben zu können – damit der Bolzplatz auch künftig ein Ort bleibt, an dem Fair Play, demokratische Aushandlung und Gemeinschaft selbstverständlich zusammengehören.

(Foto: Sinah Schilling / Streetwork Lobeda)

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